{"id":1447,"date":"2019-01-06T21:03:29","date_gmt":"2019-01-06T17:03:29","guid":{"rendered":"http:\/\/didem-ozan.de\/wordpress\/?p=1447"},"modified":"2019-04-02T11:16:53","modified_gmt":"2019-04-02T07:16:53","slug":"figurenstudie-ipek","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/didem-ozan.de\/wordpress\/archives\/1447","title":{"rendered":"Die Hausaufgabe"},"content":{"rendered":"<p>Montag, 13.32 Uhr, der Fernseher lief, California Clan hatte gerade angefangen. Ich sagte, ich w\u00fcrde Mathe machen. Setzte mich auf das Sofa und breitete mein Heft auf den aschgrauen Fliesen des Wohnzimmertisches aus. Mama klappte mein Heft zu. \u201eHier nicht, kommt Besuch\u201c. Ich sollte in unser Kinderzimmer, aber ich h\u00f6rte das Tupac-Gedudel von Deniz schon durch den Flur. \u201eEr macht Rekorder aus, wenn Du Hausausgabe machst.\u201c Ich riss das Heft vom Tisch. \u201eDas hei\u00dft HausauFgabe, Mama! Und der Vollidiot macht den Rekorder nicht aus!\u201c<\/p>\n<p>Dass ich mit 13 Jahren besser Deutsch sprach als meine 43-j\u00e4hrige Mutter, fiel mir damals schon auf. Gut, ich war auf dem Gymnasium und hatte damit den besten Bildungsstand in meiner Familie erreicht. Meine Mutter war Schneiderin, mein Vater Gelegenheitsarbeiter, mein Bruder hatte nicht einmal den Hauptschulabschluss geschafft. Er sa\u00df mit seinen siebzehn Jahren Zuhause und hatte weder Ausbildung noch Job. Das mit dem Gymnasium, das war die Idee von Onkel Ahmet gewesen. War mein Gl\u00fcckstag, als der zuf\u00e4llig bei meinen Eltern vorbeikam und fragte, wie es uns ginge. Meine Eltern diskutierten an dem Tag ernsthaft, ob sie mich auf der Haupt- oder der Realschule anmelden sollten. Mama war f\u00fcr Hauptschule, Baba immerhin f\u00fcr Realschule. Onkel Ahmet l\u00e4chelte und nickte. Das hei\u00dft auf t\u00fcrkisch &#8222;Leck mich am Arsch&#8220;. Er brachte mich zum Andreas-Vesalius-Gymnasium. Ich h\u00e4tte ihn abknutschen k\u00f6nnen, als die Sekret\u00e4rin mir die Anmeldung in die Hand dr\u00fcckte. Wenn er kein Mann im Alter meines Vaters gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Meine Mutter prophezeite mir noch am selben Abend, dass ich das auf keinen Fall schaffen w\u00fcrde, das &#8222;G\u00fcmna\u00dfium&#8220;. Die Frauen in unserer Familie, sagte sie, aus denen w\u00fcrden gute Ehefrauen. Mehr nicht. Mein Vater zeigte nur auf meinen Arsch und sagte, vom vielen Herumsitzen und Lernen w\u00fcrde der bestimmt noch platter. Damit ich es wirklich nicht schaffte, hatten sie k\u00fcrzlich vorgesorgt. In unserer neuen Wohnung in der Weseler Innenstadt gab es nur das eine Kinderzimmer. Das musste ich mir mit dem Vollidioten teilen.<\/p>\n<p>Deniz lag wie immer auf seinem Bett. Wieder war er dicker geworden, und zwar nur, um mir die 25 Quadratmeter streitig zu machen! Kaum sa\u00df ich im Schreibtischstuhl, drehte er lauter. Tupac schmetterte mir \u201eI don\u00b4t give a Fuck\u201c entgegen. Wut dr\u00fcckte sich in meine Kehle. Ich musste Mathe machen! \u201eBitte Deniz, ich kann bei dem Geleier nicht lernen\u201c. \u201eDas ist Tupac, Mann, Du lernst es echt nie, Streberin.\u201c Er stellte den Schei\u00df nicht ab. Ich haute auf die Stopptaste des Kassettenrekorders. Mit einem Mal war Deniz trotz seiner zwei Zentner Lebendgewicht blitzschnell. Er sprang auf und riss mich an den Haaren vom Rekorder weg. Sofort stie\u00df ich meine Faust in sein Sweatshirt in 3XL. Mama musste was geh\u00f6rt haben. Sie kam hereingehuscht und sch\u00fcttelte den Kopf, als h\u00e4tte sie uns bei was wei\u00df ich f\u00fcr einem Techtelmechtel erwischt. In ihrer rechten Hand balancierte sie einen Teller, auf dem etwas Goldgelb gl\u00e4nzte. B\u00f6rek, damit mein Arsch immer dicker w\u00fcrde? War gar nicht f\u00fcr mich. War f\u00fcr Deniz.<\/p>\n<p>&#8222;Mama, ich muss Hausaufgaben machen.&#8220; Sie l\u00e4chelte, nickte und ging. F\u00fctterungszeit war wichtiger. Der Fettvaran schlang das Geb\u00e4ck in exakt drei Sekunden hinunter. \u201eFettvaran\u201c, kommentierte ich laut und wich nun seiner Hand aus. Er drehte den Rekorder auf volle Lautst\u00e4rke. Ich schrie nach Mama, aber sie kam nicht zur\u00fcck. Deniz sah mich an wie Kaiser Nero mit seinem herabgesenkten Daumen. Auf Hausaufgaben hatte ich keinen Bock mehr.<\/p>\n<p>Dienstag, 8.01 Uhr. Erste Stunde Mathe. Statt in die dicke Fresse meines Bruders starrte ich ins gebildete Antlitz von Herrn Plitzka. Er heute im dunkelgr\u00fcnen Wollpulli, war wohl gerade Schlussverkauf bei Tschibo. Musste ein alter Mann so stillos sein? Sekunden nachdem er die Kreide in die Hand nahm, setzten sich wei\u00dfe Schlieren auf seinem Pullover ab. Wenigstens passte alles farblich zum rot-grauen Bart, der sich in einer krakeligen Linie am Hinterkopf zum Haarflaum fortsetzte, dort, wo richtige M\u00e4nner Haare hatten. AVG-Lehrer und gutes Aussehen &#8211; Fehlanzeige.<\/p>\n<p>Ich durfte mich nicht beschweren, ich hatte meinen Part der Lehrer-Sch\u00fclerin-Beziehung auch nicht erf\u00fcllt. Wann h\u00e4tte ich die Hausaufgabe auch machen sollen? Als Deniz schlafen ging, musste ich die Sp\u00fclmaschine ausr\u00e4umen. Ich stellte ich mir vor, wie Lehrer Barbarossa im Anzug aussehen w\u00fcrde. So was Legeres, aus Leinen, hell, Hemd vielleicht hellblau. Nein, das passte nicht zu dem kupferroten Bart. Vielleicht beiger Cord, und darunter dann Dunkelgr\u00fcn. Ja, er w\u00fcrde vom Hals aufw\u00e4rts immer noch wie ein alter Knacker aussehen. Aber es w\u00e4re eine Verbesserung.<\/p>\n<p>Blitzschnell \u00f6ffnete der Tchibo-Pullover die Schnalle seiner schmutzigen Ledertasche und zog einen zerfledderten Notizblock heraus. Er dankte Dorian, dem Schleimer. Der hatte die Reste der Deutschstunde von der Tafel gewischt. Das Dunkelgr\u00fcn der Tafel zierten jetzt dieselben Streifen wie Plitzkas Strickoberteil. Jetzt passte wenigstens alles zusammen.<\/p>\n<p>Als Plitzka in unserer Klasse anfing, hatte ich immer so ein Grinsen von ihm kassiert, wenn ich meine Hausarbeiten an der Tafel zeigte. Immer auf dieselbe Art, zu \u00fcbersetzen als \u201eIch hab es doch gewusst, Ipek, auf Dich ist Verlass.\u201c Baba sagte so etwas nie zu mir. Mein Vater brauchte sich auf niemanden zu verlassen, denn er stand im Mittelpunkt seines Lebens. Als ich die Aufgaben nicht mehr machte, h\u00f6rte Herr Plitzka endlich damit auf.<\/p>\n<p>Rotbart schrieb eine Formel an die Tafel. Vielleicht war das gar nicht die Hausaufgabe? Manchmal mussten wir &#8222;spontan l\u00f6sen&#8220;, wie er das nannte. Ich zog meine Bluse hinten am Po etwas herunter. Wenn ich nach vorne musste, w\u00fcrden alle sehen, wie ich von hinten aussah. Ich durfte auf keinen Fall nach vorne gehen.<\/p>\n<p>Er beendete die Kritzeleien und drehte sich zum Publikum. &#8222;So, wer m\u00f6chte die erste Hausaufgabe l\u00f6sen?&#8220; Alle wachten schlagartig auf. Ich dr\u00fcckte den Blusenstoff wie einen Schwamm zusammen. So fest, dass meine Faust zitterte. Barbarossa hielt nach einem Opfer in den hinteren Reihen Ausschau, dort, wo die Verweigerer sa\u00dfen. Ulli, Thorsten, Peter. Das Bermudadreieck des Verstandes. Neben mir schnippte Dorian wie ein Bekloppter Mittelfinger und Daumen gegeneinander. Plitzka lie\u00df seine Augen zu ihm schweifen. Hoffentlich Dorian. Allah, mach, dass er nicht Ipek sagt. Dann helfe ich Mama heute auch vor California Clan, den Tisch abzur\u00e4umen.<\/p>\n<p>\u201eIpek, Du hast diesmal doch sicher die Aufgaben gel\u00f6st.&#8220; Er sah mir direkt in die Augen. Blut stieg in meine Wangen. Ich schlich nach vorne, meine Hand pickte an der Bluse wie ein hungriges Huhn an einem Kadaver. Ich sah angestrengt auf die leere Seite in meinem Heft und zeichnete ein gleichschenkliges Dreieck an die Tafel.<\/p>\n<p>\u201eIpek, schaust Du bitte, ob Du die richtige Aufgabe hast\u201c. Ich sah Plitzka \u00fcber die Schulter an, drehte mich zu ihm. Ich spuckte es lieber gleich aus.<\/p>\n<p>\u201eIch habe die Hausaufgabe nicht.\u201c Er sah mich fragend an. Dann sah er unter seiner Brille hindurch in sein Notizbuch.<\/p>\n<p>\u201eDas ist jetzt das dritte Mal hintereinander, Ipek. Du wei\u00dft, was das bedeutet.\u201c<\/p>\n<p>Eine F\u00fcnf und einen Brief an die Eltern. Mama w\u00fcrde sich jetzt freuen, so freuen. Ipek, bei uns ist niemand talentiert, so was w\u00fcrde sie dann sagen. Ein Leben zog an mir vorbei, von dem ich dachte, es w\u00e4re vielleicht meines. Ich in der Uni. In so nem gro\u00dfen H\u00f6rsaal. Vorne schreibt der Mathelehrer eine riesige Formel an die Tafel. Hatte ich beim Tag der offenen T\u00fcr dort gesehen.<\/p>\n<p>\u201eWas ist los, Ipek? Du hast doch viel mehr drauf.\u201c Ich sah wieder auf die Tafel und f\u00fchlte Blicke im R\u00fccken. Das Plitzkasche Gutmenschengerede setzte ein. Das Bermudadreieck fing als Erstes an zu giggeln. Die Klasse interessierte nicht, ob ich mehr drauf hatte. Oder wie es bei mir Zuhause war. In den Pausen l\u00e4sterten die alle \u00fcber die t\u00fcrkischen Kopftuchmuttis in der Innenstadt. Da sa\u00df Mama auch immer.<\/p>\n<p>\u201eWas geht Sie das an?\u201c, fragte ich und wischte mir \u00fcber das hei\u00dfe Gesicht.<\/p>\n<p>\u201eWir sprechen nach der Stunde miteinander, Ipek.\u201c<\/p>\n<p>Ich schlich zur\u00fcck auf meinen Stuhl. Plitzka bat Dorian nach vorne. Der Streber rechnete wie eine Maschine.<\/p>\n<p>Nach der Stunde dr\u00fcckte Herr Plitzka mir einen Zettel in die Hand.<\/p>\n<p>\u201eAm Dienstag will ich hier Deine Mutter oder Deinen Vater sehen. Diesmal m\u00fcssen sie kommen.\u201c<\/p>\n<p>Ich rannte aus der Klasse, durch den backsteinroten Flur und \u00fcber den Hinterhof nach Hause.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Montag, 13.32 Uhr, der Fernseher lief, California Clan hatte gerade angefangen. Ich sagte, ich w\u00fcrde Mathe machen. Setzte mich auf das Sofa und breitete mein Heft auf den aschgrauen Fliesen des Wohnzimmertisches aus. Mama klappte mein Heft zu. \u201eHier nicht, kommt Besuch\u201c. 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