{"id":1457,"date":"2019-01-27T14:07:05","date_gmt":"2019-01-27T10:07:05","guid":{"rendered":"http:\/\/didem-ozan.de\/wordpress\/?p=1457"},"modified":"2019-01-28T12:27:49","modified_gmt":"2019-01-28T08:27:49","slug":"heiligtum-tap%c9%aanak","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/didem-ozan.de\/wordpress\/archives\/1457","title":{"rendered":"Heiligtum (Tap\u026anak)"},"content":{"rendered":"<p>Ipek f\u00fchlte sich in Museen nie wirklich wohl. Um ihre Unsicherheit zu verbergen, schwieg sie w\u00e4hrend des gesamten Rundgangs. Was nicht sonderlich auffiel, denn der Museumsf\u00fchrer sprach ohne Punkt und Komma. Bei der &#8222;\u00e4ltesten Schere Deutschlands&#8220;, so nannte der Jean-P\u00fctz-Verschnitt das besondere Highlight der Ausstellung, quasselte er ganze f\u00fcnf Minuten. Der rheinische Opa beschwor theatralisch \u201edie so ferne Zeit in unserer Region, sehr h\u00f6chstwahrscheinlich das Erste Jahrhundert nach Christus, in der dieses Werkzeug\u00a0 geschmiedet worden sein muss\u201c. Sein Museumssprech war fast musikalisch, doch er weckte bei keinem ihrer Mitsch\u00fcler Interesse. Nur Ipek h\u00f6rte genauer hin, weil es um das Schneiden ging.<\/p>\n<p>&#8222;Das ist der besondere Stolz des R\u00f6mermuseums&#8220;, fachsimpelte der Schlipstr\u00e4ger weiter, &#8222;uralte B\u00fcgelscheren. Die hei\u00dfen so, weil sie aus einem St\u00fcck geschmiedet sind.&#8220; Jean P\u00fctz fuhr mit den H\u00e4nden schw\u00e4rmerisch entlang der Scheibe. Ipek stellte sich vor, wie er mit dem alten Schneideger\u00e4t seinen Schnurrbart stutzte. Ipek hob ihre Fersen in den Sneakern ein St\u00fcck, um das handgro\u00dfe Modell genauer betrachten zu k\u00f6nnen. Es lag auf einem Seidenkissen in einer Einzelvitrine. Als w\u00e4re es die Krone der Queen.<\/p>\n<p>&#8222;Schaut mal her, die Patina hier. Nein, das ist kein Rost! Diese Schicht bezeugt die vielen Jahrhunderte, die sie nach ihrer Fertigung bereits auf der Welt verweilt.&#8220; Wie ein Verk\u00e4ufer auf dem t\u00fcrkischen Basar, der den Touristen s\u00fc\u00dfe Worte hinterhers\u00e4uselt, damit sie endlich seine Ware kaufen. Lara g\u00e4hnte. Thomas fragte, ob sie bald zu den Waffen k\u00e4men.<\/p>\n<p>Auf der R\u00fcckfahrt sa\u00df Ipek im hinteren Drittel des Busses, nicht bei den Coolen, aber mit ausreichendem Abstand zu den Totalstrebern vorne. Lara setzte sich neben sie. Ohne zu fragen. Sie schien wacher als im Museum und quatschte \u00fcber das, was in ihrer \u201eGirl\u201c stand, und das Gequarke h\u00f6rte die ganze Fahrt von Xanten nach Wesel nicht auf. Ipek h\u00e4tte ihr am liebsten die Lippen abgeschnitten. Mit der alten, rostbraunen Schere aus dem R\u00f6mermuseum. &#8222;Kes&#8220;, h\u00f6rte sie ihre Mutter dazu zischen. &#8222;Kes&#8220;, sagte sie immer, wenn Ipek ihr zuviel redete, was soviel hie\u00df wie &#8222;Schneid es ab&#8220;. Ipek schwieg und lie\u00df Lara weiterquatschen.<\/p>\n<p>Es war dunkel, als der Bus an der Br\u00fcckstra\u00dfe hielt. Ipek ging im Marschtempo heim. Die Mutter bekam Angst, wenn ihre F\u00fcnfzehnj\u00e4hrige lange weg blieb. Vor dem Waffenladen mit Namen \u201eWaffen Schaaf\u201c blieb Ipek stehen. Im Schaufenster vor ihr blitzten zwei Reihen Scheren in allen Ausf\u00fchrungen, Gr\u00f6\u00dfen und St\u00e4rken. Jetzt war das hier kein normales Gesch\u00e4ft mehr. Ipek war ganz kurz, als h\u00e4tte jemand die alten Scheren aus dem Museum poliert und im Laden vor ihr neu ausgestellt.<\/p>\n<p>Die Scherenmodelle blitzten in kaltem Silber. Sie hatten Scharniere. Aber da war immer noch diese typische Form, die der Museumsf\u00fchrer &#8222;genial&#8220; genannt hatte. Zwei Griffe, die \u00fcbergingen in Scherenbl\u00e4tter, die gegeneinander dr\u00fcckten, um Papier oder Stoffe zu zertrennen. Sie erinnerten Ipek an die Augen und den Schnabel einer Eule.<\/p>\n<p>Wie die Schere ihrer Mutter. Die lag beim Arbeiten immer in der Mitte von Lineal, Ma\u00dfband, Schneiderkreide und Rollschneider. Ohne das Schneidger\u00e4t lief nichts, erkl\u00e4rte ihr einmal die \u00c4nderungsschneiderin, die Schere brachte den Stoff in die richtige Form und erm\u00f6glichte das N\u00e4hen. Das war einer der wenigen Momente, wo Ipek dem N\u00e4hwerkzeug nah sein durfte.<\/p>\n<p>Sie stellte sich die K\u00e4lte des Metalls vor. Wie gerne wollte sie einen sch\u00f6nen Stoff nehmen und ihn damit ganz exakt zerteilen. Aber Anfassen war auf dem N\u00e4htisch tabu. Die Konsequenzen einer defekten Schere waren zu schmerzlich. Um daf\u00fcr zu sorgen, dass niemand an das Wertvollste im Haus herankam, schloss die Mutter es jeden Abend in eine Schublade.<\/p>\n<p>Es war bereits nach Ladenschluss, aber durch die Scheiben des Ladens erblickte Ipek die Eigent\u00fcmerin. Sie bediente den letzten Kunden. Im Ladenlicht wellte sich das Haar der Verk\u00e4uferin steif wie das der Jagdg\u00f6ttin am Eingang des R\u00f6mermuseums. Wie erhaben Frau Schaaf mit dem K\u00e4ufer umging, den ein Messer interessierte, wie sie das Produkt pr\u00e4sentierte, ihm erkl\u00e4rte. Als h\u00e4tte sie etwas von unsch\u00e4tzbarem Wert in der Hand, das sie nur nach strengem Ritus \u00fcbergab.<\/p>\n<p>Sie hatte Frau Schaaf schon einmal so gesehen. Da hatte sie der Mutter ihre Schere nach dem Schleifen \u00fcberreicht. Jetzt machte sie eine Bewegung, um Ipek hereinzubitten, auch eigenartig, fast altert\u00fcmlich, wie eine Priesterin, die mit ihrer Hand Wasser in ein Becken schippte. Ipek \u00f6ffnete die Glast\u00fcr und schlich in den Laden.<\/p>\n<p>\u201eWorauf wartest Du drau\u00dfen?\u201c<\/p>\n<p>Ipek f\u00fchlte sich voll erwischt.<\/p>\n<p>\u201eDu bist doch die Tochter von H\u00fclya!\u201c Das warme Verk\u00e4uferinnen-L\u00e4cheln lie\u00df sie wieder aufatmen.<\/p>\n<p>\u201eFrau Schaaf\u201c, begann Ipek.<\/p>\n<p>\u201eIch hei\u00dfe Olfers. Das mit dem \u00b4Schaaf\u00b4 ist ein Wortspiel.\u201c<\/p>\n<p>Ipek sah sie mit gro\u00dfen Augen an, vor Scham \u00fcber ihre Dummheit brachte sie keinen Ton hervor.<\/p>\n<p>\u201eUnsere Waffen sind scharf, verstehst Du? Aber da kannste ja nichts f\u00fcr, nich. Deine Mutter sagt auch immer Frau Schaaf. Willst Du ihre Schere abholen?\u201c<\/p>\n<p>Ipek sch\u00fcttelte den Kopf. Sie holte nie die Schere ab! Frau Olfers griff unter die Ladentheke und zog eine Schublade heraus. Und schon hielt sie ihr die \u201eDOVO Solingen\u201c entgegen, den goldenen Griff voran. Sie musste doch wissen, wie eigen die Mutter mit ihrer Schere war. Die Tochter der Schneiderin hatte nichts damit zu schaffen. Warum sollte sie die jetzt annehmen?<\/p>\n<p>\u201eIst ein relativ altes, aber sehr robustes Modell, nich\u201c,\u00a0 erkl\u00e4rte Frau Olfers, als h\u00e4tte sie eine Expertin vor sich. Ipeks Augen spiegelten sich im Metall der Klingen. Ihre Hand streckte sich, ihre Finger glitten in den Griff hinein, der sich sofort warm anf\u00fchlte. Sie spreizte die Finger, als h\u00e4tte sie nie etwas anderes getan, schnell dr\u00fcckte sie die Griffe, so dass die Klingen sich ber\u00fchrten. Die waren jetzt nicht nur messerscharf, sondern auch ge\u00f6lt worden. Sie gl\u00e4nzten. Frau Olfers legte ihr einen Stoff hin. Ipek schnitt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ipek f\u00fchlte sich in Museen nie wirklich wohl. Um ihre Unsicherheit zu verbergen, schwieg sie w\u00e4hrend des gesamten Rundgangs. 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Der rheinische Opa beschwor theatralisch"},"aioseo_meta_data":{"post_id":"1457","title":null,"description":null,"keywords":null,"keyphrases":null,"primary_term":null,"canonical_url":null,"og_title":null,"og_description":null,"og_object_type":"default","og_image_type":"default","og_image_url":null,"og_image_width":null,"og_image_height":null,"og_image_custom_url":null,"og_image_custom_fields":null,"og_video":null,"og_custom_url":null,"og_article_section":null,"og_article_tags":null,"twitter_use_og":false,"twitter_card":"default","twitter_image_type":"default","twitter_image_url":null,"twitter_image_custom_url":null,"twitter_image_custom_fields":null,"twitter_title":null,"twitter_description":null,"schema":{"blockGraphs":[],"customGraphs":[],"default":{"data":{"Article":[],"Course":[],"Dataset":[],"FAQPage":[],"Movie":[],"Person":[],"Product":[],"ProductReview":[],"Car":[],"Recipe":[],"Service":[],"SoftwareApplication":[],"WebPage":[]},"graphName":"BlogPosting","isEnabled":true},"graphs":[]},"schema_type":"default","schema_type_options":null,"pillar_content":false,"robots_default":true,"robots_noindex":false,"robots_noarchive":false,"robots_nosnippet":false,"robots_nofollow":false,"robots_noimageindex":false,"robots_noodp":false,"robots_notranslate":false,"robots_max_snippet":null,"robots_max_videopreview":null,"robots_max_imagepreview":"large","priority":null,"frequency":null,"local_seo":null,"breadcrumb_settings":null,"limit_modified_date":false,"ai":null,"created":"2024-03-13 02:06:46","updated":"2025-06-04 10:48:41","seo_analyzer_scan_date":null},"aioseo_breadcrumb":"<div class=\"aioseo-breadcrumbs\"><span class=\"aioseo-breadcrumb\">\n\t\t\t<a href=\"http:\/\/didem-ozan.de\/wordpress\" title=\"Zu Hause\">Zu Hause<\/a>\n\t\t<\/span><span class=\"aioseo-breadcrumb-separator\">&raquo;<\/span><span class=\"aioseo-breadcrumb\">\n\t\t\t<a href=\"http:\/\/didem-ozan.de\/wordpress\/archives\/category\/geschichten\" title=\"Geschichten\">Geschichten<\/a>\n\t\t<\/span><span class=\"aioseo-breadcrumb-separator\">&raquo;<\/span><span class=\"aioseo-breadcrumb\">\n\t\t\tHeiligtum (Tap\u026anak)\n\t\t<\/span><\/div>","aioseo_breadcrumb_json":[{"label":"Zu Hause","link":"http:\/\/didem-ozan.de\/wordpress"},{"label":"Geschichten","link":"http:\/\/didem-ozan.de\/wordpress\/archives\/category\/geschichten"},{"label":"Heiligtum (Tap\u026anak)","link":"http:\/\/didem-ozan.de\/wordpress\/archives\/1457"}],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/didem-ozan.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1457"}],"collection":[{"href":"http:\/\/didem-ozan.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/didem-ozan.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/didem-ozan.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/didem-ozan.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1457"}],"version-history":[{"count":13,"href":"http:\/\/didem-ozan.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1457\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1473,"href":"http:\/\/didem-ozan.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1457\/revisions\/1473"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/didem-ozan.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1457"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/didem-ozan.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1457"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/didem-ozan.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1457"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}