{"id":1475,"date":"2019-02-28T01:00:33","date_gmt":"2019-02-27T21:00:33","guid":{"rendered":"http:\/\/didem-ozan.de\/wordpress\/?p=1475"},"modified":"2019-02-28T01:49:01","modified_gmt":"2019-02-27T21:49:01","slug":"die-vergessliche-stadt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/didem-ozan.de\/wordpress\/archives\/1475","title":{"rendered":"Die vergessliche Stadt"},"content":{"rendered":"<p>Das Brummen eines Motors, ab und zu \u00fcbert\u00f6nt von Hupen. Ich \u00f6ffnete die Augen und gew\u00f6hnte sie an die Dunkelheit. Um mich herum bekannte Gegenst\u00e4nde, nicht im Zimmer, in dem sie zuvor standen. Als h\u00e4tten die Habseligkeiten und ich uns auf den Weg gemacht. Mir fiel nicht ein, wohin die Reise ging.<\/p>\n<p>Lautes Quietschen, der Boden glitt unter meinen Tatzen weg. Ich wich einer st\u00fcrzenden Schirmlampe aus und stolperte \u00fcber den Knochen.<\/p>\n<p>&#8222;H\u00f6rer&#8220; hatte der Alte ihn immer genannt. Eine schwarze Nabelschnur verband den Sch\u00e4del mit seinem quadratischen Mutterk\u00f6rper. Jeden Morgen hatte der Alte seine Finger in die unz\u00e4hligen L\u00f6cher darin gedr\u00fcckt. Wie leblose Augen zitterten sie in ihren H\u00f6hlen zur\u00fcck, bis sein Finger sie wieder drehte, begleitet von einem Trrr, Trrr, Trrr. Was machte der Alte jetzt nur ohne seinen H\u00f6rer?<\/p>\n<p>&#8222;Ist jemand im Laderaum?\u201c Fremd war die Stimme. Ich hielt ein Ohr an den Sch\u00e4del. Das Ger\u00e4usch entsprang nicht dem Ger\u00e4t. Eine T\u00fcr \u00f6ffnete sich. Ich nahm die Schnur in mein Maul und sprang durch den Spalt ins Licht. Die graue Kr\u00f6te stolperte hinter mir her, kreischte, als sie auf dem Asphalt aufschlug. Ich kroch unter ein Auto, rannte zwischen unz\u00e4hligen Reifen weiter und erwartete das Ende der Stra\u00dfe. Nach einer Weile gab ich auf und h\u00fcpfte an den Stra\u00dfenrand.<\/p>\n<p>&#8222;Unendlich\u201c, hatte der Alte die Stadt genannt, mit Blick aus dem Fenster auf den Obstladen an der Ecke, der keine hundert Sorten Obst mehr verkaufte, sondern Handys, und in den Knochen hineingerufen, \u201ees werden immer mehr Stra\u00dfen, Hochh\u00e4user und Moscheen. Die Stadt verliert ihr Gesicht&#8220;. Ich fragte mich, wer ihm zuh\u00f6rte.<\/p>\n<p>\u201eIch verliere mein Ged\u00e4chtnis? Die Stadt verliert ihren Verstand viel schneller als ich!\u201c Tag f\u00fcr Tag fiel es seinem Finger schwerer, die L\u00f6cher zu treffen. Dann kam sie, elegant wie eine Malteserkatze, und nahm ihn mit. Zittrig war der Alte, als ich ihn das letzte Mal sah. In den Knochen schrie er, als w\u00fcrde niemand ihn h\u00f6ren, dr\u00fcckte den Apparat an seinen Mund, immer verzweifelter, steckte ihn mit der Nervosit\u00e4t seiner Lippen an. Sie nahm ihm den Knochen aus der Hand und sagte, sie w\u00fcrden mich sp\u00e4ter holen. Mit den M\u00f6beln.<\/p>\n<p>Am Stra\u00dfenrand folgte ich einer schnurrenden Vagabundin, die mich durch Baustellen und Ruinen f\u00fchrte. Mal roch ich gegrilltes Fleisch, dann gekochten Mais. Mein Magen knurrte. Auch die Br\u00fcnette litt an Hunger, denn in einem Treppenaufgang schnappte sie zu. Fiepend lag die Maus in ihrem Maul, ich h\u00f6rte das Herz puckern. Trrr, Trrr, Trrr. Ein winziger Metabolismus, durch den das Blut noch dr\u00e4ngte, dessen Lebensschnur gleich zerrissen werden w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Nach tagelangen Streifz\u00fcgen fand ich zur\u00fcck zum Haus. Es war von einem Metallzaun umklammert wie von einem Tigermaul, Schutt blutend, die Fenster wie eingedr\u00fcckte Augen. Ich h\u00f6rte, wie jemand rief, aber das war nicht seine Stimme. Sie war es. Noch lieblicher als beim letzten Mal.<\/p>\n<p>\u201eMietze, da bist Du ja! Wie hast Du nur wieder hierher gefunden? Wir bringen Dich zu ihm, was meinst Du? Aber Du darfst nicht wieder ausb\u00fccksen!\u201c<\/p>\n<p>Didem Ozan, September 2018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Brummen eines Motors, ab und zu \u00fcbert\u00f6nt von Hupen. Ich \u00f6ffnete die Augen und gew\u00f6hnte sie an die Dunkelheit. Um mich herum bekannte Gegenst\u00e4nde, nicht im Zimmer, in dem sie zuvor standen. Als h\u00e4tten die Habseligkeiten und ich uns auf den Weg gemacht. Mir fiel nicht ein, wohin die Reise ging. 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