{"id":1504,"date":"2019-07-19T11:54:39","date_gmt":"2019-07-19T07:54:39","guid":{"rendered":"http:\/\/didem-ozan.de\/wordpress\/?p=1504"},"modified":"2019-07-19T11:58:05","modified_gmt":"2019-07-19T07:58:05","slug":"die-hausaufgabe-reloaded","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/didem-ozan.de\/wordpress\/archives\/1504","title":{"rendered":"Die Hausaufgabe Reloaded"},"content":{"rendered":"<p>Montag, kurz nach eins. \u201eDie wilde Rose\u201c hatte gerade angefangen. Mama duldete keinen Mucks, wenn ihre Lieblingsserie lief. Ich setzte mich ganz leise auf das Sofa und legte mein Heft auf den Wohnzimmertisch. Sie klappte es wieder zu. \u201eHier nicht, kommt Besuch gleich.\u201c Ich sollte in unser Kinderzimmer, aber ich h\u00f6rte das Tupac-Gedudel von Deniz schon durch den Flur. \u201eEr macht Musik aus, wenn Du Hausausgabe machst.\u201c Ich riss das Heft vom Tisch und sprang auf. \u201eDas hei\u00dft HausauFgabe, Mama! Und der Vollidiot macht den Rekorder nicht aus!\u201c<br \/>\nMama warf mit der Bild der Frau nach mir. Sie nahm mir \u00fcbel, wenn ich sie korrigierte. Aber warum? Ich sprach mit meinen dreizehn besser Deutsch als sie mit 43. Niemand au\u00dfer mir hatte es in unserer Familie auf\u00b4s Gymnasium gebracht. Meine Mutter war Putzfrau, mein Vater Gelegenheitsarbeiter, mein Bruder hatte nicht einmal den Hauptschulabschluss. Er sa\u00df zuhause und hatte weder Ausbildung noch Job.<\/p>\n<p>Das mit dem Gymnasium, das war die Idee von Onkel Ahmet gewesen. War mein Gl\u00fcckstag, als der bei meinen Eltern vorbeikam und fragte, wie es uns ginge. Die diskutierten an dem Tag ernsthaft, ob sie mich auf der Haupt- oder der Realschule anmelden sollten. Mama war f\u00fcr Hauptschule, Baba immerhin f\u00fcr Realschule. Onkel Ahmet sah mein Zeugnis und sch\u00fcttelte den Kopf. Und lief mit mir die f\u00fcnf Minuten zum Andreas Vesalius. Ich h\u00e4tte ihn abknutschen k\u00f6nnen, als die Sekret\u00e4rin mir die Anmeldung in die Hand dr\u00fcckte. Wenn er kein Mann im Alter meines Vaters gewesen w\u00e4re.<br \/>\nMeine Mutter prophezeite mir noch am selben Abend, dass ich das auf keinen Fall beenden w\u00fcrde, das \u201eG\u00fcmna\u00dfium\u201c. Die Frauen in unserer Familie, sagte sie, aus denen w\u00fcrden Ehefrauen und M\u00fctter. Mehr nicht. Mein Vater zeigte nur auf meinen Arsch und sagte, vom vielen Herumsitzen und Lernen w\u00fcrde der bestimmt noch platter. Dabei war in unserer Wohnung gar kein Platz zum Lernen. Es gab nur ein Kinderzimmer und das musste ich mir mit dem Vollidioten teilen.<br \/>\nDeniz lag immer auf seinem Bett, wenn ich ins Zimmer kam. Kaum sa\u00df ich im Schreibtischstuhl, drehte er lauter. Ich wollte aber Mathe machen! \u201eDeniz, Mama hat gesagt, Du stellst das ab, ich kann bei dem Geleier nicht lernen!\u201c. \u201eDas ist Tupac, Mann, das solltest Du lernen, Streberin.\u201c Er stellte den Rap-Schei\u00df nicht ab. Ich haute auf die Stopptaste seines Ghettoblasters. Mit einem Mal sprang Deniz auf und riss mich an den Haaren vom Rekorder weg. Sofort stie\u00df ich meine Faust in das Nashorn auf seinem Sweatshirt. Er br\u00fcllte und zog so fest an meinem Haar, dass jede Menge davon in seiner Hand h\u00e4ngen blieb.<br \/>\nMama kam hereingehuscht und sch\u00fcttelte den Kopf, als h\u00e4tte sie uns bei was wei\u00df ich f\u00fcr einem Gepl\u00e4nkel erwischt. In ihrer rechten Hand balancierte sie einen Teller, auf dem ein gro\u00dfes St\u00fcck braun-wei\u00df gestreifte Torte stand. Schwarzw\u00e4lder, das deutsche Essen, das bei uns auf den Tisch kam, wenn Besuch da war. Babas Lieblingstorte. Damit mein Arsch noch dicker w\u00fcrde? War gar nicht f\u00fcr mich. War f\u00fcr Deniz. Der Besuch war zahlreich, ich sollte lieber noch auf meine Portion warten.<br \/>\n\u201eIch will keine Torte, ich will Hausaufgaben machen\u201c, sagte ich. \u201eIch brauche Deine Hilfe in der K\u00fcche\u201c, antwortete sie und ging. F\u00fctterungszeit war wichtiger. Deniz schlang die Sahne in exakt drei Sekunden hinunter. Dann drehte er den Ghettoblaster auf volle Lautst\u00e4rke. Ich schrie nach Mama, aber sie kam nicht mehr zur\u00fcck. Deniz sah mich an wie Kaiser Nero mit seinem herabgesenkten Daumen. Irgendwann rief Mama dann, ich sollte in die K\u00fcche kommen, ihr beim Teeservieren helfen.<\/p>\n<p>Dienstag, kurz vor neun. Zweite Stunde. Mathe. Statt in die Fresse meines Bruders starrte ich ins gebildete Antlitz von Herrn Plitzka. Er heute im dunkelgr\u00fcnen Wollpulli, war wohl gerade Schlussverkauf bei Tschibo. Sekunden nachdem er die Kreide in die Hand nahm, setzten sich wei\u00dfe Schlieren auf seinem Pullover ab. Wenigstens passte das farblich zum zinnoberroten Bart, der sich in einer krakeligen Linie am Hinterkopf zum Haarflaum fortsetzte, dort, wo richtige M\u00e4nner Haare hatten. Lehrer und gutes Aussehen \u2013 Fehlanzeige.<br \/>\nIch durfte mich nicht beschweren, ich hatte meinen Part der Lehrer-Sch\u00fclerin-Beziehung auch nicht erf\u00fcllt. Wann h\u00e4tte ich die Hausaufgabe auch machen sollen? Als der Besuch weg war, musste ich die Sp\u00fclmaschine ausr\u00e4umen. Ich stellte mir vor, wie Lehrer Rotbart im Anzug aussehen w\u00fcrde. So was Legeres, aus Leinen, hell, Hemd vielleicht hellblau. Nein, das passte nicht zu dem Bart. Vielleicht beiger Cord, und darunter dann Dunkelgr\u00fcn. Ja, er w\u00fcrde vom Hals aufw\u00e4rts immer noch wie ein alter Knacker aussehen. Aber es w\u00e4re eine Verbesserung.<br \/>\nDer Tchibo-Pullover dankte Dorian, dem Schleimer. Der hatte die Reste der Deutschstunde von der Tafel gewischt. Das Dunkelgr\u00fcn der Tafel zierten jetzt genau solche Streifen wie Plitzkas gleichfarbiges Strickoberteil. Jetzt passte wenigstens alles zusammen.<br \/>\nPlitzka sah mich an und grinste. Als er noch neu bei uns Mathelehrer war, hatte er mal so was gesagt wie \u201eIch hab es gewusst, Ipek, auf Dich ist Verlass.\u201c Seitdem grinste er immer, wenn ich meine Hausarbeiten an der Tafel zeigte. Baba und Mama freuten sich nie, wenn ich gut war in der Schule.<br \/>\nRotbart kritzelte eine Formel an die Tafel und drehte sich zum Publikum. \u201eSo, wer m\u00f6chte die erste Hausaufgabe l\u00f6sen?\u201c Ich zog meine Bluse am Po etwas herunter. So im Reflex. Wenn ich nach vorne musste, w\u00fcrden alle sehen, wie ich von hinten aussah. Ich wollte nicht nach vorne gehen. Zum Gl\u00fcck hielt er nach einem Opfer in den hinteren Reihen Ausschau, dort, wo die Verweigerer sa\u00dfen. Ulli, Thorsten, Peter. Das Bermudadreieck des Verstandes. Neben mir schnippte Dorian wie ein Bekloppter Mittelfinger und Daumen gegeneinander. Plitzka lie\u00df seine Augen zu ihm schweifen. Hoffentlich Dorian. Bitte mach, dass er nicht Ipek sagt. Dann helfe ich Mama heute ungefragt, den Tisch abzur\u00e4umen.<br \/>\n\u201eIpek, Du hast diesmal doch sicher die Aufgaben gel\u00f6st.\u201c Er sah mir direkt in die Augen. Blut stieg in meine Wangen. Ich schlich nach vorne, meine Hand pickte an der Bluse wie ein hungriges Huhn an einem Kadaver. Ich sah angestrengt in mein Heft und zeichnete ein gleichschenkliges Dreieck an die Tafel.<br \/>\n\u201eIpek, schaust Du bitte, ob Du die richtige Aufgabe hast?\u201c. Ich sah Plitzka \u00fcber die Schulter an, drehte mich zu ihm. Ich spuckte es lieber schnell aus.<br \/>\n\u201eIch habe die Hausaufgabe nicht.\u201c Er bl\u00e4tterte in seinem Notizbuch.<br \/>\n\u201eDas ist jetzt das dritte Mal hintereinander, Ipek. Du wei\u00dft, was das bedeutet.\u201c<br \/>\nEine F\u00fcnf und einen Brief an die Eltern. Mama w\u00fcrde sich jetzt freuen, so freuen. Ipek, bei uns ist niemand talentiert, so was w\u00fcrde sie dann sagen. Ein Leben zog an mir vorbei, von dem ich dachte, es w\u00e4re vielleicht meins. Ich in der Uni. In so nem gro\u00dfen H\u00f6rsaal. Vorne schreibt der Mathelehrer eine riesige Formel an die Tafel. Hatte ich beim Tag der offenen T\u00fcr gesehen.<br \/>\n\u201eWas ist los, Ipek? Du hast doch viel mehr drauf als die ganzen deutschen Kollegen hier.\u201c Ich starrte auf die Kreide in meiner Hand. Ich f\u00fchlte Scham und Blicke im R\u00fccken, die die Scham noch mehr anschubsten. Das Bermudadreieck fing an zu giggeln. Genau das war es, was er wollte, allen in der Klasse zeigen, dass ich doch keine flei\u00dfige, sondern eine faule T\u00fcrkin war. Niemanden interessierte, wie es bei mir Zuhause lief. In den Pausen l\u00e4sterten alle \u00fcber die Kopftuchmuttis in der Innenstadt. Da sa\u00df Mama auch immer.<br \/>\n\u201eWas geht Sie das eigentlich an, ob ich besser oder schlechter bin als die Ollis hier?\u201c, fragte ich und wischte mir \u00fcber das hei\u00dfe Gesicht.<br \/>\n\u201eDann mache ich eben keine Hausaufgaben. Ist doch meine Entscheidung.\u201c<br \/>\nIch h\u00fcpfte zur\u00fcck auf meinen Stuhl, verschr\u00e4nkte die Arme. Mann, ich f\u00fchlte mich gut. Keine Scham mehr, keine Wut. So richtig gut.<br \/>\n\u201eWir sprechen nach der Stunde miteinander, Ipek.\u201c<br \/>\nPlitzka bat Dorian nach vorne. Der Streber bewegte sich wie ein Roboter. Ich nahm mir vor, ihm ein Bein zu stellen. Nach der Stunde dr\u00fcckte Herr Plitzka mir einen Zettel in die Hand.<br \/>\n\u201eAm Freitag will ich hier Deine Mutter oder Deinen Vater sehen.\u201c<br \/>\nIch nahm den Brief und rannte aus der Klasse, zerriss das Papier und rieb es am feuerroten Backstein im Flur kaputt, rannte \u00fcber den Schulhof und durch das Schultor, als m\u00fcsste ich nie wieder zur\u00fcck an diesen Ort.<\/p>\n<p>Gelesen am 16.7.2019 auf dem <a href=\"https:\/\/www.kulturquartier-muenster.de\/zeltfestival\/\">Zeltfestival im Kulturquartier in M\u00fcnster<\/a>.<\/p>\n<p>\u00a9 Didem Ozan<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Montag, kurz nach eins. \u201eDie wilde Rose\u201c hatte gerade angefangen. Mama duldete keinen Mucks, wenn ihre Lieblingsserie lief. Ich setzte mich ganz leise auf das Sofa und legte mein Heft auf den Wohnzimmertisch. 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