Karneval im KCM

Berkan tippt „Allover“, kichert und korrigiert. „Overalls“ soll er suchen auf Amazon, in gelb, grün, lila. „Das sind die Farben der Teletubbis“, sagt Dominik. Seelenruhig liest er eines der Angebote vor, als hätte Anna nicht gerade gesagt, dass sie jetzt endlich die Torte essen will und nicht weiter auf den Bildschirm des Notebooks starren.
„Genau die meine ich: Onesies mit Reißverschluss für 30 Euro.“
„Onesie? Heißt das nicht Onesize?“, zickt Anna. Sie lässt das Meckern in ihrer Stimme ganz deutlich heraus. Berkan bekommt kurz einen Lachflash.
„Onesie ist richtig, heißt Einteiler auf Englisch.“ Anna schlürft ihren Sekt. Dass Dominik wieder auf die Party im KCM will, geschenkt, aber warum als Teletubbie? Sie will sich nicht blamieren. ®Tinky Winky, Dipsie, Laa-Laa, Po® – dämlicher Ohrwurm, Alter. Aber Dominik ist beratungsresistent vom Gehirn her.
„Musst gar nicht so die Augen verdrehen, Pooop-Anna.“ Dominik lacht, auf so eine egoistische Art. Er hat Berkan, er muss keine Typen aufreißen auf dem Karneval, er kann als Witzfigur gehen. Anna hat null Lust, sich den Kopf weiter zu zerbrechen. Berkan und Dominik küssen sich dauernd, und sie will auch.
Berkan zieht einen gelben Einteiler in S in den Warenkorb. „Die sind aus Polyester. Da werden wir stinken, schon nach dem ersten Track“, sagt er. Als er auch die lila Version im Warenkorb hat, lehnt er sich zurück. „Dominik, packst Du noch den grünen dazu?“ Berkan hat vom Freixenet schon rote Augen. Er sieht Anna lange an. Und verströmt einen umwerfenden Duschgel-Duft. Dominik tippt. Und murmelt.
„Mit dem Kostüm wird sie dieses Jahr hoffentlich nicht wieder auf der Toilette hängen bleiben.“
„Dominik, hör auf“, sagt Berkan und schüttet ihr den dritten Prosecco ein. Anna kippt ihn in einem Schluck hinunter.
„Wie peinlich war das, wie Du auf der letzten Party die ganze Zeit nach Berkan geschrien hast, weil Dein Stecher einfach abgehauen ist. Und du so voll drauf und kommst nicht weg vom Klo. Weil Du deine Rüschen verkeilt hast am Kloabzug.“
Wie er schon da sitzt mit geradem Rücken. Weil er nie entspannen kann, bis er sie schlecht gemacht hat. Anna zieht das Notebook zu sich und klickt. Yeah! Webseite geschlossen, Verkaufsvorgang abgebrochen.
„Geht es noch, blöde Kuh!“ Dominik schlägt seine Hand gegen die Hohe Stirn.
„Die Nummer auf dem Klo war süß“, sagt Berkan. Der Satz löst bei ihr Herzdröhnen aus. Er schließt die Bestellung ab. „Lass Musik hören“, sagt er und öffnet eine andere App. Anna geht zum Kühlschrank, die Zitronentorte holen. Sie stopft sich mit bloßen Fingern den Biskuit in den Mund. Zu viel Alkohol hat ihren Kopf erreicht.
„Anna, Du bist dann Laa-Laa“, sagt Berkan. Dann noch einmal, singt, „Anna, bis Laa-Laa“. Anna tanzt. Sie braucht noch was. Das Plastiktütchen raschelt, als sie es aus ihrer engen Jeans zieht. Sie lässt drei Herzen in ihre Hand kullern.
„Hier schaut mal, alles Onesize. Oder Onesies. Wie ihr wollt.“
Berkan greift in ihre Hand und schnappt sich zwei der grünen Pillen. „Wer zuerst drauf ist.“ Er wirft das winzige Herz auf seine Zunge. Dominik hält seinen Mund auf, aber Berkan ist kein guter Werfer, das Kügelchen verfehlt seinen Mund. Er sucht es in der Sofaritze. Da ist nichts. Er flucht und sucht auf dem Boden weiter.
„Du findest sie schon, Tinkiwinkie“, sagt Berkan, jetzt etwas genervt. Er schaut Anna dabei zu, wie sie ihr Herz unter die Zunge schiebt. Ihr Puls wird lauter. Das ist aber nicht das E., das kann noch nicht wirken. Berkan ist es. Er legt seinen Kopf auf ihre Brust.

Ihr Herz rutscht jeden Schlag tiefer, bis in den Bauch und tiefer, wird wärmer und weitet sich.

„Gefunden!“ Dominik schnellt hoch und reckt die Faust. „Anna ist Laa-Laa“, skandiert er, und Berkan macht mit. Anna schafft es heute nicht mehr, böse zu sein.

Gelesen am 16.7.2019 auf dem Zeltfestival im Kulturquartier Münster.

© Didem Ozan

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