Figurenstudie Ipek: Jugendliche Türkin, die es in den 90ern nicht leicht hat

Montag, 13.32 Uhr, California Clan hatte gerade angefangen. Ich sagte, ich würde Mathe machen. Setzte mich auf das Sofa und breitete mein Heft auf den graubraunen Fliesen des Wohnzimmertisches aus. Mama klappte mein Heft zu. „Hier nicht, kommt Besuch“. Ich sollte ins Kinderzimmer, aber ich hörte das Tupac-Gedudel von Deniz schon durch den Flur. „Er macht Rekorder aus, wenn Du Hausausgabe machst.“ Ich riss das Heft vom Tisch. „Das heißt HausauFgabe, Mama! Und er macht den Rekorder nie aus, das weißt Du!“

Mit 13 Jahren kannte ich meinen Bruder besser als meine Mutter – und ich sprach besser Deutsch als sie. Ich war auf dem Gymnasium und hatte damit den besten Bildungsstand in meiner Familie erreicht. Meine Mutter war Analphabetin, mein Vater Gelegenheitsarbeiter, mein Bruder hatte nicht einmal den Hauptschulabschluss geschafft. Er saß mit seinen Siebzehn zuhause und hatte keine Ausbildung. Das mit dem Gymnasium, das war die Idee von Onkel Ahmet gewesen. War wohl mein Glückstag, als der zufällig bei meinen Eltern vorbeikam und fragte, wie es uns ginge. Meine Eltern überlegten ernsthaft, ob sie mich auf der Haupt- oder der Realschule anmelden sollten. Onkel Ahmet zeigte denen den Vogel und brachte mich zum Andreas-Vesalius-Gymnasium! Ich konnte es nicht glauben, als er mir die Bestätigung der Anmeldung in die Hand drückte. Ich hätte ihn abknutschen können, wenn er kein türkischer Mann im Alter meines Vaters gewesen wäre.

Aber meine Mutter prophezeite mir an dem Abend, dass ich das nicht schaffen würde, das „Gümnaßium“. Die Frauen in unserer Familie, sagte sie, aus denen würde nichts. Mein Vater zeigte nur auf meinen Arsch und sagte, vom vielen Herumsitzen und Lernen würde der bestimmt noch platter.

Zu allem Übel steckte ich seit einem halben Jahr in einem Zimmer mit dem 17-jährigen Vollidioten fest. Denn meine Eltern wollten um jeden Preis in diese Wohnung in Wesel ziehen, die nur ein Kinderzimmer hatte. Weil Innenstadt und gut für Mamas Schneiderei. Die Wohnung war perfekt geschnitten – für eine Arztpraxis. Für eine Familie mit zwei Jugendlichen nicht. Trotzdem sollten wir uns das Kinderzimmer teilen. Deniz saß mir also in den 25 Quadratmetern gegenüber und wurde immer dicker, und zwar nur, um mir den Platz im Zimmer streitig zu machen.

Ich ließ mich in meinen Schreibtischstuhl fallen, verschränkte die Arme und fühlte Traurigkeit in mir aufsteigen. Ich wollte doch nur Hausaufgaben machen! Tupac schmetterte mir „I don´t give a Fuck“ entgegen. „Bitte Deniz, ich kann bei dem Geleier keine Hausaufgaben machen“. „Das ist Tupac, Mann, Du lernst es echt nie, Streberin.“ Er stellte den Scheiß nicht ab. Ich haute auf die Stopptaste des Kassettenrekorders. Mit einem Mal war Deniz trotz zwei Zentnern Lebendgewicht blitzschnell. Er sprang auf und zog an meinem Zopf. In siebzehn Jahren Geschwisterfeindschaft war ihm noch keine bösere Gemeinheit eingefallen!

Doch die Aktion war dämlich, aber immer noch sehr effektiv. Ich fühlte Haare aus meiner Kopfhaut springen. Ich stieß meine Faust in sein weißes Sweatshirt in 3XL. Mama kam hereingehuscht und schüttelte den Kopf, als hätte sie uns bei was weiß ich für einem Techtelmechtel erwischt.

Sie balancierte in ihrer rechten Hand einen Teller, auf dem etwas Goldgelb glänzte. Börek, damit mein Arsch immer dicker würde? War gar nicht für mich. War für Deniz. Damit er die Musik abstellte. Fütterungszeit. Der schlang das Gebäck in exakt drei Sekunden hinunter. „Fettvaran“, kommentierte ich. Er drehte den Rekorder auf volle Lautstärke und sah mich mit einem Triumph an, als wäre er Kaiser Nero mit herabgesanktem Daumen.

Dienstag, 8.01 Uhr. Erste Stunde Mathe. Statt in die dicke Fresse meines Bruders starrte ich ins gebildete Antlitz von Herrn Plitzka. Er heute im dunkelgrünen Wollpulli, war wohl gerade Schlussverkauf bei Tschibo. Musste ein grundsympathischer Mensch so stillos sein?

Sobald er die Kreide in die Hand nahm, setzten sich weiße Schlieren auf seinem Pullover ab. Wenigstens passte alles farblich zum roten Bart, der sich in einer krakeligen Linie am Hinterkopf zum Haarflaum fortsetzte, dort, wo richtige Männer Haare hatten. AVG-Lehrer und gutes Aussehen – Fehlanzeige.

Ich durfte mich nicht beschweren, ich hatte meinen Part der Lehrer-Schüler-Beziehung schließlich auch nicht erfüllt. Ich hatte die Hausaufgaben nicht. Um mich abzulenken, stellte ich mir vor, wie König Barbarossa im Anzug aussehen würde. So was Legeres, aus Leinen, hell, Hemd vielleicht hellblau. Nein, das passte nicht zu dem Bart. Vielleicht beiger Cord, und darunter dann Dunkelgrün. Ja, er würde immer noch Scheiße aussehen, aber es wäre eine Verbesserung.

Blitzschnell öffnete der Tchibo-Pullover die Schnalle seiner abgetragenen Ledertasche und zog seine Notizpapiere heraus. Er dankte Dorian, dem Schleimer. Der hatte die Reste der Deutschstunde von der Tafel gewischt. Die Tafel hatte jetzt dasselbe Farbspiel wie Plitzkas Strickoberteil, dunkelgrün mit schmierigen weißen Streifen.

Lehrer Rotbart rechnete eine der Aufgaben an der Tafel vor. Im Reflex zog ich meine Bluse hinten am Po etwas herunter. Meine Hausaufgaben waren sonst immer fehlerfrei, doch wenn ich sie vorne zeigte, dachte ich nur darüber nach, wie ich von hinten aussah. Drehte ich mich, sah ich dann doch nur das Grinsen von Plitzka, auf immer dieselbe Art, zu übersetzen als „ich hab es doch gewusst, Ipek, auf Dich ist Verlass.“ Baba sagte so etwas nie zu mir. Mein Vater brauchte sich auf niemanden zu verlassen, denn er hatte sich selbst und stand im Mittelpunkt seines Lebens.

In diesem Moment wollte ich auf keinen Fall nach vorne gehen. Aber ich wusste, er würde mich aufrufen. Meine Wangen waren warm, auf eine unangenehme Art. Er schrieb die nächste Aufgabe an. Ich drückte mit meiner rechten Hand den Blusenstoff wie einen Schwamm zusammen. So fest, dass meine Faust ganz bleich wurde.

Barbarossa hielt zunächst nach einem Opfer in den hinteren Reihen Ausschau, dort, wo die Verweigerer saßen. Ulli, Thorsten, Peter. Das Bermudadreieck des Verstandes. Neben mir schnippte Dorian wie wild seine Finger. Plitzka ließ seine Augen zu ihm schweifen. Also doch Dorian. Ich betete. Bitte, Allah, mach, dass er nicht Ipek sagt. Dann helfe ich Mama heute auch vor California Clan, den Tisch abzuräumen.

„Ipek“. Bitte, türkische Vorzeigeschülerin, du bist an der Reihe! Ich schritt langsam nach vorne, meine Hand pickte an der Bluse wie ein hungriges Huhn. Ich sah angestrengt in mein Heft und zeichnete ein gleichschenkliges Dreieck an die Tafel. „Ipek, schaust Du bitte, ob Du die richtige Aufgabe hast“. Ich sah Plitzka über die Schulter an, drehte mich zu ihm.

„Ich hab die Hausaufgabe nicht.“

Plitzka sah mich fragend an.

„Das ist jetzt das dritte Mal hintereinander, Ipek. Du weißt, was das bedeutet.“

Eine Fünf und einen Brief an die Eltern. Mama würde sich jetzt freuen, so freuen. Ipek, bei uns ist niemand talentiert, so was würde sie dann sagen. Ein Leben zog an mir vorbei, von dem ich dachte, es wäre meines. Uni. Fachbereich Design.

„Was ist los, Ipek?“ Ich sah auf die Tafel und fühlte Blicke im Rücken.

„Du bist talentiert, Ipek.“ Das Bermudadreieck fing an zu giggeln. Das Plitzkasche Gutmenschengerede. Damit dachte er, würde er mich Klassenmigrantin wohl aufbauen. Als wäre ich das siebte Weltwunder. Was kümmerte den, wenn ich bald die Tussi mit den Hip Hopper-Creolen sein und dem Blach im Kinderwagen sein würde.

„Was geht Sie das an?“, fragte ich und wischte mir übers Gesicht.

„Wir sprechen nach der Stunde miteinander. “

Plitzka bat Dorian nach vorne. Ich schlich zurück auf meinen Stuhl. Der Streber rechnete wie eine Maschine.

„Mir ist schwindelig“, sagte ich. Ich wollte nach Hause. Herr Plitzka notierte etwas und drückte mir den Zettel in die Hand.

„Geh nach Hause. Am Dienstag will ich hier Deine Mutter oder Deinen Vater sehen. Diesmal müssen sie kommen.“

Ich rannte aus der Klasse, durch den backsteinroten Flur und über den Hinterhof nach Hause.

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