Pampa*

16. Juni 2019. Verdonnert zum Krisendienst in den Rieselfeldern. Der Mai war heiß wie ein August. Chef fürchtet, dass die Flachgewässer im Naturschutzgebiet austrocknen. Alle zwei Stunden muss ich Bio-Daten notieren. Der Wasserspiegel im Staubecken war gestern schon heikel. Heute nur noch 50 Zentimeter. Der ist innerhalb eines Tages um fünf Zentimeter gesunken. Ich halte das Thermometer ins Staubecken. 18 Grad. Anstieg von fünf Grad seit gestern? Ich vergewissere mich, dass das Thermometer nicht kaputt ist. Ich messe den Sauerstoffwert. Auch viel zu niedrig. Meine schweißnasse Hand rutscht beim Notieren auf dem Papier aus. Wir müssen das Stauwehr öffnen. Aber Kurt geht nicht ans Telefon. Ich hasse es, von ihm abhängig zu sein.
Ich versuche, Fische im Wasser ausfindig zu machen. Da ist ein kleiner Barsch an der Oberfläche. Reißt sein Maul extrem auf, finde ich. Der schnappt nach Sauerstoff. Kurzentschlossen renne ich zum Hebel und werfe meine fünfzig Kilo dagegen. Alles, was ich erreiche, ist ein stechender Schmerz in der Magengrube. Mein Handy brummt. Es ist nicht Kurt. Mein Gatte sagt, Fiona hat Fieber. Ob ich nicht sofort nach Hause kommen könnte. Auch das noch. Ich blöke ins Handy, er soll ihr Ibuflam geben und ihr Lieblingslied singen. Welches Lied, fragt er. Ich sehe Gründlinge zur Wasseroberfläche streben. „Tausend Jahre ein Tag natürlich“, brülle ich ihm entgegen.

Ein Motorengeräusch. Das ist nicht Kurts Geländewagen. So ein vergammelter VW-Bulli nähert sich. Muss vom Hessenweg gekommen sein und fährt schnurstracks auf den Aa-Ableiter-Stau zu. Durch die Felder D, C, und B, mit bestimmt 70 km/h. Zehn Meter vor mir bremst der schmutzigblaue Kasten ab, mitten in der Feuchtwiese. Mein Herz klopft vor Wut bis zum Hals.
„Sind Sie geisteskrank?“ schreie ich. Der verzottelte Fahrer bleibt hinter dem Lenker sitzen und kurbelt seine Fensterscheibe herunter. So langsam, dass ich zwischendurch glaube, dass er verreckt ist. „Pampa“, ruft er. Ich reibe mein Ohr. „Pampa! Die Sonne will die Rieselfelder wegbrennen!“

Ich renne auf das Gefährt zu, mit den Gummistiefeln humple ich eher, und schlage gegen die Motorhaube. „Das ist ein Naturschutzgebiet! Sie sind mit Ihrer stinkenden Karre über etliche Kiebitznester gefahren!“, zetere ich. Er öffnet die Tür, kegelt heraus, landet knapp neben einem der Gelege.
„Schöne Frau! Das Universum hat mich in die Pampa gerufen!“ Für eine Sekunde bin ich perplex. Dann weckt mich der Geruch von Schweiß und Haschisch. Der Alte hat einen brennenden Joint in seiner Schnauze.

„Universum, klar. Du hilfst mir, den Hebel im Kontrollkasten umzulegen“, fordere ich, nachdem ich ihm den Stängel aus seinem Gesicht gezupft habe. Ich ziehe so heftig daran, dass mir die Glut die Finger verbrennt. Das zerfurchte Gesicht grinst, lässt sich den Hebel zeigen, unternimmt aber nur einen halbherzigen Versuch. Quasselt was von Rückenleiden durch monatelange Indienreise.

„Hier sterben gleich tausende Fische, wenn da kein frisches Wasser reinkommt. Wenn Du es nicht schaffst, rufe ich die Polizei. Ich erzähle denen, dass Du mit deiner Rostlaube seltene Vogelnester zerstört hast.“ Beim nächsten Versuch ist er erstaunlich kräftig. Das Wehr öffnet sich. Ich sehe Fischrücken in sprudelndes Nass flitzen. Gekrümmt steigt der Hippie zurück in seine Karre. „Das ist Scheiß-Pampa hier“, stöhnt er, setzt zurück und rast weg. Ich folge der Spur seiner Reifen. Er hat kein einziges Nest zerfahren.

*Dieser Text ist entstanden aus dem Stichwort „Pampa“ der Autor*innengruppe Sem;kolon. Ich widme ihn Greta Thunberg.

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